

Über die Ausstellung
Vladimir Korkunovs dokumentarisch anmutende, inhaltlich wie ästhetisch mitreißende Gedichte beschreiben, was die interviewten Erzähler als Letztes gesehen, als Letztes gehört haben. Ein Auszug aus diesem Gedichtzyklus erschien bereits 2023 im Literaturportal Bayern, 2024 fand eine Online-Lesung zu „Lyrik und sozialer Verantwortung“ mit Vladimir Korkunov an der Universität Innsbruck statt.
Zwar können die Erzähler nicht ohne weiteres die Lautsprache nutzen, dennoch hören wir ihre Stimmen und jeder Text wird zum sinnlichen Erlebnis, er kann gesehen, gehört, ertastet werden. Die Gedichte lassen alle Besucher in eine interkulturelle Kommunikation mit Menschen treten, deren Rede normalerweise nie in deutsche oder russische Schlagzeilen gerät und deren Einschränkungen in beiden Ländern soziale Benachteiligungen, auch ein erhebliches Armutsrisiko nach sich ziehen.
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info@wennklangundlicht.de

Vladimir Korkunov erzählt von der Entstehung der Texte
Seit nunmehr vier Jahren ist mein Leben mit taubblinden Menschen verbunden. Ich arbeite in der gemeinnützigen Stiftung „So-edinenie“ (etwa „Ver-bindung“), die ihnen individuelle und systematische Hilfe leistet. Es war eine bewusste Entscheidung, meine beiden Eltern sind Behinderte und ich weiß viel darüber, wie sich Menschen immer noch gegenüber denen verhalten, die ihnen nicht ähnlich sehen. Kein Wunder, dass wir schnell Freundschaften schlossen.
Der Gedichtzyklus, den Sie gleich lesen werden, leitet sich aus unseren zahlreichen Gesprächen ab. Wir unterhielten uns über social media (mithilfe eines Brailledisplays können taubblinde Menschen online gehen), trafen uns in Präsenz und riefen uns an, sofern den Titelhelden meiner Texte ein restlicher Gehörsinn blieb. Es war mir wichtig, ihre Geschichten an Leser heranzutragen, die Episoden, in denen sie äußerst verletzlich, aber auch mutig gewesen sind, indem sie sich dazu entschlossen haben, anderen Menschen davon zu erzählen. Also Ihnen.
Verschiedene Wege führten uns zu diesen kurzen Texten. Ein Titelheld schickte mir beinahe eine Beichte, einen Text auf acht Seiten (30 Tausend Zeichen!), so sehr wollte er seine Geschichte bewahren und gelesen werden, das heißt – wiedererkannt werden. Mit einer anderen Protagonistin redeten wir zwei Mal am Telefon und leiteten dann über social media anhand jeder Zeile, jedes kleinsten alltäglichen Details das ab, was im Inneren unter sieben Siegeln verborgen lag. Mit einer anderen Teilnehmerin beschlossen wir, ihre Gedichte auszuweiten und daraus eine Theateraufführung zu machen, bei der sie selbst, gänzlich taubblind, die Regie übernehmen sollte.
Es war nicht nur eine dichterische und journalistische Arbeit, sondern auch eine psychologische. Ich wollte meine Titelheldinnen und -helden begeistern, sie mit meiner Idee (im tolstojschen Sinne) „anstecken“, damit dieses Projekt ihr Projekt werden konnte. Eine Protagonistin zitierte in unserem Interview Sokrates: „Sprich, damit ich dich sehe“. Es ist diesen Menschen wichtig, von Ihnen gesehen zu werden. Deshalb sprechen sie.
Weiterführende Infos
Interviewband mit Fotografien (russisch):
Korkunov, Vladimir: Ich rede: Gespräche mit taubblinden Menschen. Eskmo, Moskau 2025.
// Коркунов, Владимир: Я говорю: беседы со слепоглухими людьми. Эксмо, Москва 2025.
Lyrikband mit grafischen Illustrationen (russisch):
Vladimir Korkunov: Verlorenes und gefundenes Licht. Monologe taubblinder Menschen. Jaromír Hladík press 2024.
// Владимир Коркунов: Потерянный и обретённый свет. Монологи слепоглухих людей. Jaromír Hladík Press, 2024.
Aus der Ausstellung
München, schwere reiter, Herbst 2025